Seit ich ein Kind bin, zieren sie inzwischen schon meine Ohren. Begonnen hat alles in einem familiären Urlaub in Frankreich. Dort entdeckte ich sie. Zwei unscheinbare Pfropfen mit Kabel, die man sich in die Ohren stöpselt. Das andere Ende des Kabels in den Walkman und schon hat man Laut und Lärm. Und damit endlich Ruhe. Ich entdeckte eine große akustische Oase in der vollbepackten, engen Familienkutsche. Nie mehr stritt ich um das gemeinsame Bord-Programm des aufgeheizten Vehikels. Ich musste nur aus dem Fenster schauen, ein wenig aufdrehen, und dann konnte es von mir aus stundenlang durch die französischen Westküstenlandstrassen gehen. Wenn die Batterien ausreichten.
Von da an war ich verloren. Sie wurden zum ständigen Begleiter. Die Stöpsel und mit ihnen die Oase. Kein Fußweg mehr ohne entsprechende musikalische Begleitung. Warum auch? Die Oase funktioniert. Manchmal zu gut. Ständig übersehe ich Menschen, die mich grüßen, manchmal sogar ansprechen. Ich bin gar nicht richtig da. Das ist peinlich, aber kein Grund kulturpessimistisch zu sein. Im Laufe der Zeit wurden die Stöpsel zu Muscheln, die das ganze Ohr bedecken. Der Hauptgrund ist vor allen die Haltbarkeit. Die Stöpsel mussten in der Regel jedes Trimester neu erworben werden, ständig wurden sie von Wackelkontakten und Kabelrissen bedroht. Die riesigen Bügeldinger hingegen halten und halten.
Nach dem Walkman kam dann irgendwann der Scheibenmann, der DiscMan, ein sehr klobiges Diskuswerfergerät, welches sich eigentlich nur dadurch auszeichnete, schlechter zu funktionieren. So musste ich beim Laufen stets eine fortgeschrittene Leichenstarre simulieren, damit der Silberling nicht ständig verspringt, die Oase nicht zur Fata Morgana verkommt. Die Romantik, die meinen Walkman noch umgibt, sie wird den Scheibenmann nie erreichen können.
Doch irgendwann kamen sie dann: die MP3-Player, Sprösslinge des Digitalen. Keine Batterieprobleme, keine Erschütterungsprobleme, keinen Kassetten- oder CD-Koffer mehr mitschleppen. Unromantisch, pragmatisch. Alle Oasen dieser Welt immer in der Tasche. Und ganz neue akustische Refugien taten sich auf. Podcasts überholten und ersetzten in Windeseile meinen Fernsehkonsum. Genau so muss Radio funktionieren. Auf dem Fußweg.
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Sehr schön!
Kann ich kaum glauben, dass diese Riesendinger rein praktischen Nutzen haben – standen bei mir bislang unter Posing-Generalverdacht.
Habe es übrigens tatsächlich mal geschafft, an einem Bahnhof derart desorientiert zu wirken, dass ein ungefähr halb so alter Riesenkopfhörerträger diese umständlich abnahm, um mir seine Hilfe anzubieten. Er ist also jederzeit offen, der Rückweg aus der Oase.
Doch, doch die Haltbarkeit ist tatsächlich verblüffend im Vergleich. Ich hätte die Kopfhörer allerdings auch gerne ein wenig subtiler, da stimme ich zu.
Aber schön wenn die Hilfsbereitschaft noch da ist.
Die Desorientierung muss tatsächlich signifikant gewesen sein, wenn ein Riesenkopfhörerträger freiwillig die Oase verlässt
Dass die Stöpsel tatsächlich jedes halbe Jahr neu gekauft werden müssen, zumindest wenn man sie in der Zeit auch benutzt, das würde ich unterschreiben. Was mich allerdings wundert, ist dass auch Du davon sprichst, dass die MP3-Player praktisch alle Probleme der Discmen (oder heißt es Discmans???) gelöst haben. Theoretisch vielleicht. Aber Praktisch sieht das doch wieder ganz anders aus:
Was früher eine Musik CD an Genußerlebnis war, dafür brauchte man vor 5 Jahren vielleicht 5 GB Musikdateien – heute wären’s wahrscheinlich um die 20GB.
Warum kann ich nicht mehr mit dem Umfang von zwei CDs während einer Fahrt zufrieden sein? Warum merke ich jetzt, dass 4 GB an MP3-Dateien, das sind ca. 4000 Minuten Musik mir nicht mehr für eine 120 minutenlange Bahnfahrt reicht? Mir nicht mehr das “Konsumerlebnis” verschaffen, was mich so befriedigt wie früher?
Könnte der Knackpunkt vielleicht der sein, dass man damals sein Musikgepäck wohlfein schlank und mit mit Bedacht auf die eigenen Bedürfnisse vorgewählt hat, während heute einfach neues Zeug hinzugefügt wird?
War es damals nicht ein anderes Gefühl, Musik zu hören? Eine CD war ein richtiggehender Schatz mit Identitätsspende. Mp3 dagegen damals ein Schlagwort bei Lanparties, fast ähnlich dem traditionellen – pardon – Schwanzvergleich: Wer hatte die meisten MP3-Dateien auf dem Rechner? Und wirkliche Kings hatten gar Filme auf dem beim Schulpraktikum selbst zusammengebauten Rechner.
Es ist trendy dem Vinyl hinterherzutrauern. Wer trauert der CD hinterher?
Großartig, danke für deine Gedanken.
Zunächst einmal: Ich werde der CD hinterher trauern!
Was ich im Text meinte ist, dass der Mp3-Player den mobilen Discmännern technisch klar überlegen ist. Und zumindest was den technischen Komfort angeht, möchte ich diese Überlegenheit nicht mehr missen.
Discmen sind zu groß, sie sind zu schüttelanfällig, sie verbrauchen mehr Strom bzw. fressen mehr Batterien und – zumindest in meinem Fall – sie sind ständig kaputt. Im Rückblick fand ich da fast den Walkman stärker, das mag aber auch an der im Schnitt eher bescheidenen Qualität der Discmen-Fraktion liegen.
Sehr interessant hingegen ist die Frage, ob durch die Auflösung der Prinzips Album auch ein kultureller Wert verloren geht. Und hier bin ich dann doch konservativ. Soweit ich weiss, ist die Idee, ein ganzes Album statt nur einzelner Stücke zu verkaufen, erst durch die physikalischen Datenträger entstanden. Ließ sich einfach besser vermarkten.
Durch die Auflösung der physikalischen Datenträger jedoch, ist es als Band vielleicht gar nicht mehr so sinnvoll jedes Jahr ein neues Album zu veröffentlichen, die Band der Zukunft könnte ein Lied einfach auf der eigenen Homepage veröffentlichen wenn es fertig ist, sich den ganzen physischen Vertriebskanal sparen und direkt selbst Geld verdienen.
Nichtsdestotrotz bin ich ein großer Anhänger des Albums. Auf meinem Mp3-Dings sind alle Lieder schön nach Alben sortiert, digital wie im echten Leben besitze ich ausschließlich Alben und ich höre auch im Grunde auch stets immer nur “in Alben” durch. Ab und zu wird der globale Shuffle auf dem Mp3-Dings angeworfen und dann freut man sich über einen offensichtlich untalentierten DJ, wenn auch einen offensichtlich untalentierten DJ, der nur Musik spielt, die ich mag. Aber einzelne Lieder die ich gut finde, das hat es als Teil meiner Sammlung noch nie gegeben und es würde mich vermutlich irritieren.
Ausserdem habe ich ja eine Schwäche für Klassik, die gerade im Laufe des letzten Jahres wieder stark zugenommen hat. Und hier kaufe ich ausschließlich richtige CDs, die ich mir dann ganz klassisch (ha,ha) ins Regal stelle. Da ist er dann, der “Schatz mit Identitätsspende”, wie du ganz richtig beschrieben hast.
Sicherlich ist klassische Musik ein leichter Sonderfall, da es mehrere Interpretationen eines Werkes gibt. Es fängt also schon mit der Recherche an, welche Aufnahme man sich denn kauft: soll es eine alte sein, oder lieber eine neue, soll sie historisch informiert sein, ungewöhnlich interpretiert, welches Orchester, welches Dirigat. Allein diese Recherche macht mir Spass und dann wäre es ziemlich unbefriedigend einfach die Downloadmaschine anzuwerfen, um die Interpretation der Wahl auf die heimische Festplatte zu bannen. Natürlich kommt die Musik später auf das Mp3-Dings, aber zu 70% meines Musikkonsums lege ich eine CD ein, höre sie durch, schlendere zum Regal und wähle aus. Ganz im Sinne des Bookshelf Porn.
Die CD muss also überleben, denn ich werde sie weitersammeln. Hier sind noch leere Bretter.